Konzept des Bewegten Religionsunterrichts

Der Bewegte Religionsunterricht eröffnet für unterschiedlichste Schularten und Jahrgangsstufen ein Begegnungsfeld für Schülerinnen und Schüler,


Dabei wird von einem erweiterten Erkenntnisbegriff ausgegangen: Erkenntnis ist mehr, als was in Sprache gefasst werden kann. 'Erkennen' ist eine veränderte Sicht- und Erlebnisweise durch eine Reorganisation der Achtsamkeit.

Ein Lernverbund von Motorik, Sensorik, Emotion und Kognition im Religionsunterricht ermöglicht den Lernenden eine religiöse Symbolbildung in sprachlichen wie nichtsprachlichen Denkprozessen.

Der Bewegte Religionsunterricht ist somit ein Konzept, das sich in einem realen und einem symbolischen Bewegungsraum entfaltet:


Grundlage des Bewegten Religionsunterrichts ist neben jüdisch-christlicher Anthropologie, die von der Einheit von "Leib, Seel und Geist" ausgeht, die theologische Leitlinie:

Gott setzt Menschen in Bewegung. "Auf Schritt und Tritt begegnen wir in biblischen Texten Menschen, die in Bewegung sind. Und wir können dabei erkennen, dass auch von Gott erzählt wird, wie er sich auf uns zu bewegt und uns in unserer Bewegung begleitet."  (Buck, Glaube in Bewegung, Göttingen 2003, S. 9)

"Insofern handelt es sich beim Bewegten Religionsunterricht nicht um eine Methode, sondern um eine religions-pädagogische Grundidee. Allerdings werden im Bewegten Religionsunterricht Lernprozesse in Gang gesetzt und gestaltet mithilfe spezifischer Methoden, die Lernen durch Erfahrung am eigenen Leib ermöglichen wollen." (Buck, in: Adam/Lachmann, Methodisches Kompendium, Band 2, Göttingen 2002, S.211)


Die Methoden des Bewegten Religionsunterrichts sind unter anderem


Jede dieser Methoden ist eingebunden in sprachliches Handeln wie Unterrichtsgespräch, Erzählung, Reim oder Lied.

Diese Methoden erfordern ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Alle Erfahrungen, die in Spielen des Bewegten Religionsunterrichts gesammelt werden, sind individuell und persönlich und dürfen nicht fremdinterpretiert werden. Schülerinnen und Schüler sind eingeladen, über diese Erfahrungen miteinander im Unterrichtsgespräch in Freiheit zu kommunizieren. Religionsunterrichtliche Themen können im Rahmen solcher Kommunikation "eingeordnet, reflektiert und bewertet und somit in persönliche, soziale, kirchliche und religiöse Zusammenhänge gestellt" werden. (Buck, Bewegter Religionsunterricht, Göttingen 2010, S.9)

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Der Bewegte Religionsunterricht im Kontext der Kompetenzorientierung

Bewegter Religionsunterricht enthält grundlegende Anliegen der schulischen Kompetenzorientierung vor allem in der Schülerorientierung und in den Lernwegen, in denen sich Schüler_innen entwickeln können, eigene Fähigkeiten erlangen können und eigene Haltungen finden. In Lernverengungen von Kompetenzorientierung lässt sich Bewegter Religionsunterricht allerdings nicht hineinpressen. Denn der Freiheitsgedanke ist dem Bewegten Religionsunterricht wesenseigen:

Bewegter Religionsunterricht ereignet sich auf mehreren Ebenen (theologisch-inhaltliche Ebene, Ebene des Faktenwissens, Ebene des symbolischen Verständnisses und des Ahnens, sensomotorische Ebene, soziale Ebene, Identitätsebene u.v.m.). „Dieses Ebenen  können theoretisch-begrifflich, analytisch, emotional, intuitiv, assoziativ, künstlerisch-gestaltend und kritisch durchdacht und kommuniziert werden. Auf diese Freiheit wird im Bewegten Religionsunterricht Wert gelegt. Kein Schüler muss in sein Innerstes hineinspüren, wie er die Sache fühlt, wenn er zu diesem Spüren heute oder grundsätzlich keinen Zugang findet. Kein Schüler muss theoretisch-begriffliche Verarbeitungsleistungen erbringen, wenn er sprachlich-intellektuell dazu nicht in der Lage ist. Sondern im Bewegten Religionsunterricht sollen in den vielfältigen Formen des Bewegungsspiels Hochbegabten und Schwachbegabten, Sprachgenies und Sprachschwächeren, Unsensiblen und Sensiblen, Körperbewussten und Körperunsicheren Spielräume angeboten werden, in denen sie mit ihren ganz eigenen Stärken und Schwächen aufgehoben und angeregt sind.“ (Buck, Neuland betreten, München 2011, S. 23)

Jede und jeden Lernenden einer Klasse zu erwartbaren Kompetenzen mit normierter Bewertbarkeit zu führen, ist somit den Intentionen des Bewegten Religionsunterrichts konträr entgegengesetzt. Die Unverfügbarkeit der Schülerinnen und Schüler erfordert auch, dass man ihnen die Freiheit lässt, sich von den Inhalten zu distanzieren. Dem steht das didaktische Dreieck des kompetenzorientierten Unterrichts entgegen mit seinen drei Komponenten „Können“, „Wissen“ und „Wollen“. Wo das „Wollen“ dem Schüler verordnet wird, gerät man in die Nähe eines totalitären Anspruchs. Wenn christlicher Glaube und diakonische Haltung in einem kompetenzorientierten Unterricht operationalisierbar sein sollen, ist dies mit dem Konzept des Bewegtem Religionsunterrichts nicht vereinbar.

Diese Grenzen der Kompetenzorientierung benennt beispielsweise auch der bayerische Lehrplan für die Grundschule: 

„Kompetenzorientierter Unterricht im Fach Evangelische Religionslehre erfordert auch ein Verständnis für die Grenzen dieses Konzepts. Kompetenzerwartungen beschreiben die Ergebnisse von Lernprozessen und stoßen dort an ihre Grenzen, wo diese Ergebnisse mit Rücksicht auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Schülerinnen und Schüler nicht vorgegeben werden können und dürfen, z. B. bei Glaubensüberzeugungen oder religiösen Handlungen. Gleichwohl bietet der Religionsunterricht zahlreiche Gelegenheiten, eigene Überzeugungen auszubilden und diese im Austausch mit anderen zu vertreten. Neben dieser eher formalen Grenze sind es die Inhalte des Faches selbst, die eine Einschränkung erfordern: Ausgehend von einem christlichen Menschenbild ist eine einseitige Ausrichtung auf das Können und die Fähigkeiten eines Menschen zu relativieren. Stattdessen ist ein Bewusstsein dafür anzubahnen und wachzuhalten, dass der Mensch mehr ist, als in seinen Kompetenzen sichtbar zum Ausdruck kommen kann. Er ist Geschöpf Gottes und bezieht seine Würde nicht aus seinem Handeln. Es ist Aufgabe und Herausforderung für Religionslehrerinnen und -lehrer, mit diesen Besonderheiten des Faches bewusst umzugehen.“ (https://www.lehrplanplus.bayern.de/sixcms/media.php/107/LehrplanPLUS%20Grundschule%20StMBW%20-%20Mai%202014.pdf  S. 77)

Martin Rothgangel entfaltet im neuüberarbeiteten „Religionspädagogischen Kompendium“ Facetten und Hintergründe von Kompetenzorientierungen und kommt zu dem Schluss: „Bei alledem bleibt schließlich festzuhalten, dass der Bildungsbegriff für die Religionspädagogik umfassender und zugleich spezifischer als der Kompetenzbegriff ist. Umfassender, da er auch die nicht operationalisierbaren Aspekte enthält, und spezifischer, da es in der Religionspädagogik nicht einfach um Kompetenz geht, sondern um Bildung bzw. Erziehung bzw. Lernen und Lehren. Religionspädagogik ist keine Theorie religiöser Kompetenz; sie ist eine Theorie religiöser Bildung – die voranstehenden Ausführungen suchten gleichwohl darzulegen, dass Kompetenzen und Bildungsstandards in diesem Zusammenhang vergleichbar fruchtbare Leitbegriffe darstellen wie der Erfahrungsbegriff Ende der 1980er Jahre.“ (Rothgangel, Martin: Religiöse Kompetenzen und Bildungsstandards Religion. In : Rothgangel, M. / Adam, G. / Lachmann, R (Hg.): Religionspädagogisches Kompendium. Göttingen 2012, S. 336f)

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Warum das Konzept Bewegter Religionsunterricht kein eingetragenes Warenzeichen ® ist:  

      Bewegter Religionsunterricht ist durch seine Veröffentlichungen für die Jahrgangsstufen 1-9 klar zu identifizieren und braucht von daher keinen Markenschutz gegen Verwechslung oder Verwässerung.

®     Bewegter Religionsunterricht ist in Bezug auf die Methoden kein in Beton gegossenes Verfahren. Sondern Bewegter Religionsunterricht ist gerade aus sich selbst heraus beweglich und verändert sich. In der Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden werden im Rahmen des Bewegten Religionsunterrichts immer wieder neue Wege gesucht, in der Bewegungserfahrung und in der Begegnung mit der Leiblichkeit theologisches Denken anzustoßen.

 

 

 

 

 

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