Elisabeth Buck

Was ist Bewegter Religionsunterricht?

Der Bewegte Religionsunterricht eröffnet für unterschiedlichste Schularten und Jahrgangsstufen ein Begegnungsfeld für Schülerinnen und Schüler,

  • mit religiösen Themen und Fragen umzugehen,
  • sie in leiblichen Handlungsvollzügen zu untersuchen,
  • verschiedene räumliche und geistige Perspektiven zu gewinnen,
  • zu deuten und zu werten
  • und sich eigener Standpunktmöglichkeiten gewahr zu werden.

Dabei wird von einem erweiterten Erkenntnisbegriff ausgegangen: Erkenntnis ist mehr, als was in Sprache gefasst werden kann. ‚Erkennen‘ ist eine veränderte Sicht- und Erlebnisweise durch eine Reorganisation der Achtsamkeit.

Ein Lernverbund von Motorik, Sensorik, Emotion und Kognition im Religionsunterricht ermöglicht den Lernenden eine religiöse Symbolbildung in sprachlichen wie nichtsprachlichen Denkprozessen.

Der Bewegte Religionsunterricht ist somit ein Konzept, das sich in einem realen und einem symbolischen Bewegungsraum entfaltet:

  • Schülerinnen und Schüler erleben sich und ihre Welt aktiv durch die eigene körperliche Bewegung und Wahrnehmung. Und darum können auch religiöse Inhalte so angeboten werden, dass Kinder und Jugendliche ihnen im Bewegungsspiel begegnen können.
  • Inhalte des christlichen Glaubens bringen menschliche Grundhaltungen in Bewegung: „Gott kommt zum Menschen und bietet seine bedingungslose Liebe an. Er schenkt Befreiung und Aufbruch.“
  • Kinder und Jugendliche können im Bewegungsspiel ihrer eigenen Situation gewahr werden. Sie können im Spiel neue Lebensentwürfe ausprobieren. Sie können über die Bewegungserlebnisse miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam religiöse Fragen und Antworten zur Sprache bringen.

Grundlage des Bewegten Religionsunterrichts ist neben jüdisch-christlicher Anthropologie, die von der Einheit von „Leib, Seel und Geist“ ausgeht, die theologische Leitlinie:

Gott setzt Menschen in Bewegung. „Auf Schritt und Tritt begegnen wir in biblischen Texten Menschen, die in Bewegung sind. Und wir können dabei erkennen, dass auch von Gott erzählt wird, wie er sich auf uns zu bewegt und uns in unserer Bewegung begleitet.“  (Buck, Glaube in Bewegung, Göttingen 2003, S. 9)

„Insofern handelt es sich beim Bewegten Religionsunterricht nicht um eine Methode, sondern um eine religions-pädagogische Grundidee. Allerdings werden im Bewegten Religionsunterricht Lernprozesse in Gang gesetzt und gestaltet mithilfe spezifischer Methoden, die Lernen durch Erfahrung am eigenen Leib ermöglichen wollen.“ (Buck, in: Adam/Lachmann, Methodisches Kompendium, Band 2, Göttingen 2002, S.211)

Die Mittel des Bewegten Religionsunterrichts sind unter anderem

  • Symbolspiel,
  • Tanz und aktives Musizieren mit elementaren Musikinstrumenten,
  • verschiedene Formen des Rollenspiels,
  • gestisch – pantomimisches Spiel,
  • Wahrnehmungsspiele
  • und eine Heftgestaltung, die taktil – kinästhetisches Erleben auch im Umgang mit dem Unterrichtsheft eröffnet.

Jede dieser Methoden ist eingebunden in sprachliches Handeln wie Unterrichtsgespräch, Erzählung, Reim oder Lied.

Diese Methoden erfordern ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Alle Erfahrungen, die in Spielen des Bewegten Religionsunterrichts gesammelt werden, sind individuell und persönlich und dürfen nicht fremdinterpretiert werden. Schülerinnen und Schüler sind eingeladen, über diese Erfahrungen miteinander im Unterrichtsgespräch in Freiheit zu kommunizieren. Religionsunterrichtliche Themen können im Rahmen solcher Kommunikation „eingeordnet, reflektiert und bewertet und somit in persönliche, soziale, kirchliche und religiöse Zusammenhänge gestellt“ werden. (Buck, Bewegter Religionsunterricht, Göttingen 2010, S.9)

Bewegter Religionsunterricht enthält grundlegende Anliegen der schulischen Kompetenzorientierung vor allem in der Schülerorientierung und in den Lernwegen, in denen sich Schüler*innen entwickeln können, eigene Fähigkeiten erlangen können und eigene Haltungen finden. In Lernverengungen von Kompetenzorientierung lässt sich Bewegter Religionsunterricht allerdings nicht hineinpressen. Denn der Freiheitsgedanke ist dem Bewegten Religionsunterricht wesenseigen:

Bewegter Religionsunterricht ereignet sich auf mehreren Ebenen (theologisch-inhaltliche Ebene, Ebene des Faktenwissens, Ebene des symbolischen Verständnisses und des Ahnens, sensomotorische Ebene, soziale Ebene, Identitätsebene u.v.m.). „Dieses Ebenen können theoretisch-begrifflich, analytisch, emotional, intuitiv, assoziativ, künstlerisch-gestaltend und kritisch durchdacht und kommuniziert werden. Auf diese Freiheit wird im Bewegten Religionsunterricht Wert gelegt. Kein Schüler muss in sein Innerstes hineinspüren, wie er die Sache fühlt, wenn er zu diesem Spüren heute oder grundsätzlich keinen Zugang findet. Kein Schüler muss theoretisch-begriffliche Verarbeitungsleistungen erbringen, wenn er sprachlich-intellektuell dazu nicht in der Lage ist. Sondern im Bewegten Religionsunterricht sollen in den vielfältigen Formen des Bewegungsspiels Hochbegabten und Schwachbegabten, Sprachgenies und Sprachschwächeren, Unsensiblen und Sensiblen, Körperbewussten und Körperunsicheren Spielräume angeboten werden, in denen sie mit ihren ganz eigenen Stärken und Schwächen aufgehoben und angeregt sind.“ (Buck, Neuland betreten, München 2011, S. 23)

Jede und jeden Lernenden einer Klasse zu erwartbaren Kompetenzen mit normierter Bewertbarkeit zu führen, ist somit den Intentionen des Bewegten Religionsunterrichts konträr entgegengesetzt. Die Unverfügbarkeit der Schülerinnen und Schüler erfordert auch, dass man ihnen die Freiheit lässt, sich von den Inhalten zu distanzieren. Dem steht das didaktische Dreieck des kompetenzorientierten Unterrichts entgegen mit seinen drei Komponenten „Können“, „Wissen“ und „Wollen“. Wo das „Wollen“ dem Schüler verordnet wird, gerät man in die Nähe eines totalitären Anspruchs. Wenn christlicher Glaube und diakonische Haltung in einem kompetenzorientierten Unterricht operationalisierbar sein sollen, ist dies mit dem Konzept des Bewegtem Religionsunterrichts nicht vereinbar.

Sondern Bewegter Religionsunterricht öffnet Freiräume.

Neue Praxisimpulse

Der neunte Praxisimpuls

Psalm 139 – eine BeSINNung mit Strandkieseln (2. bis 13. Jahrgangsstufe – verschiedene Themenzusammenhänge wie z.B. Einzigartigkeit, Identität, Gottesbeziehung, Treue, Psalmdichtung) Material: Kleine Strandkiesel, etwas mehr als in der Anzahl der teilnehmenden Personen. Ein Tuch.   Symbolspiel Jede Person erhält einen Strandkiesel, untersucht und erforscht ihn nach allen besonderen Merkmalen.

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Kommende Fortbildungen

19. März

D 79539 Lörrach

24. – 25. Apr.

A 4550 Kremsmünster

18. – 20. Mai

D 23843 Travenbrück – Kloster Nütschau

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